Es gibt Berufe, bei denen man denkt: Das kann es doch nicht wirklich geben.

Bergziegenpsychologe.
Professioneller Warteschlangentester.
Lego-Bauanleitungsheftmacher.

Und doch gibt es vor allem den letzten tatsächlich.

Ich stelle ihn mir als ruhigen Mann vor. Oder als Frau. Eigentlich spielt das keine Rolle. Jemand, der den ganzen Tag über Fragen nachdenkt, die dem Rest der Welt niemals in den Sinn kommen.

„Darf dieser rote Stein eigentlich schon auf Seite 14 auftauchen, oder ist die Menschheit noch nicht so weit?“

Er ist kein Baumeister. Er ist ein Wegweiser.

Er bestimmt, dass du zuerst drei schwarze Steine zusammensteckst, dann einen grauen Stift und erst danach diese eine gelbe Platte. Nicht weil es anders nicht geht, sondern weil es anders nicht stimmt.

Seine größte Angst?

Eine verschwundene Seite.

Stell es dir vor.

Du bist gut dabei. Beutel 3. Alles läuft wie geschmiert. Die Kinder glauben noch an dich. Dein Partner sagt sogar: „Toll, wie gut du das kannst.“

Und dann…

Von Seite 42 springt das Heft plötzlich auf Seite 45.

Seite 43 und 44 sind verschwunden.

Du schaust noch einmal.

Du blätterst zurück.

Du schüttelst das Heft.

Du verdächtigst den Hund.

Du zählst die Seiten.

Du verdächtigst LEGO.

Du verdächtigst dich selbst.

Und plötzlich liegt da ein kleiner roter Stein auf dem Tisch, von dem niemand mehr weiß, wohin er gehört.

Von diesem Moment an verwandelt sich das Wohnzimmer in einen Tatort.

„Haben wir dieses Teil schon benutzt?“

„Ich glaube nicht.“

„Aber warum liegt es dann hier?“

„Vielleicht gehörte es auf die verschwundene Seite.“

Niemand weiß es.

Die Kinder sind inzwischen nach draußen gegangen.

Dein Partner ist Kaffee trinken.

Und du sitzt da mit einem halben Raumschiff, einem roten Stein und einer existenziellen Krise.

Irgendwo tief in Dänemark verspürt ein Lego-Bauanleitungsheftmacher plötzlich einen leichten Schauer.

Er blickt von seinem Bildschirm auf.

„Irgendwo fehlt eine Seite.“

Seine Kollegen lachen.

„Woher weißt du das?“

Er zuckt mit den Schultern.

„Gefühl.“

Seitdem kontrolliert er jedes Bauheft noch einmal zusätzlich.

Nicht weil Menschen keine Fehler machen dürfen.

Sondern weil er weiß, dass eine einzige verschwundene Seite genügt, um einen ganzen Samstagnachmittag entgleisen zu lassen.

Und irgendwie finde ich das einen wunderbaren Beruf.

Nicht weil man LEGO macht.

Sondern weil man verhindert, dass jemand mit einem roten Stein zurückbleibt, von dem niemand mehr weiß, warum er überhaupt existiert.