Man merkt es an allem. Der Straßenschmuck hängt wieder. Fahnen wehen, Bögen stehen und überall erscheinen die Farben, die verraten, dass es fast so weit ist.
Es summt in Sint Nyk.
Wer abends durch das Dorf radelt oder spaziert, hört hier und da Musik. Es wird getestet. Hinter einem Schiebetor erklingt Gelächter, etwas weiter das Geräusch einer Schleifmaschine oder einer Farbspritzpistole. In den Bauhallen wird noch hart gearbeitet. Immer muss noch etwas gerade fertig werden, kann ein Detail schöner sein oder eine Technik ein letztes Mal erprobt werden.
Und doch gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, an das sich alle halten.
Am ersten Donnerstag im September, Punkt zehn Uhr, ist der Wagen fertig.
Dann öffnen sich die Tore. Die Anspannung weicht dem Stolz. Monate des Bauens, Tüftelns, Improvisierens und Zusammenarbeitens kommen in dem Augenblick zusammen, in dem der erste Wagen auf die Straße rollt. Nun ist er kein Geheimnis mehr hinter einem Hallentor, sondern eine Geschichte, die durch das ganze Dorf fährt.
Das ist vielleicht das Schönste am Allegorischen Umzug. Nicht nur die Kreativität der Wagen, sondern das Gefühl, dass ein ganzes Dorf wochenlang auf etwas Gemeinsames hinlebt. Alle kennen die Geheimnisse, doch niemand verrät sie. Alle hören die Musik, sehen die Betriebsamkeit und spüren, dass es fast so weit ist.
In den Tagen vor dem Umzug hört man in Sint Nyk immer wieder:
Us Lieve Hear is in Sint Nykster.
Frei übersetzt: Unser lieber Herrgott kommt aus Sint Nyk.
Natürlich wird das mit einem Lächeln gesagt. Vielleicht hilft es, dass die Nikolaikirche seit Jahrhunderten über das Dorf blickt, als würde sie von oben ein Auge auf alles haben. Beweise gibt es nicht, aber schöne Geschichten müssen sich nicht immer von Tatsachen begrenzen lassen.
Wie durch ein Wunder hatte der Umzug im Laufe der Jahre oft herrliches Wetter. Als wüsste die Sonne, dass das Dorf monatelang auf diesen Tag hingearbeitet hat.
Trotzdem schaut man immer mit einem Auge auf die Wettervorhersage. Nicht panisch, sondern mit einer Mischung aus Hoffnung und Vertrauen. Die älteren Einwohner kennen noch jene Geschichte von damals, als das Wetter so schlecht war, dass der Umzug auf Samstag verschoben wurde. Als es auch am Samstag nicht ging, fiel er ganz aus. Das war so außergewöhnlich, dass man noch immer davon erzählt.
Vielleicht macht gerade das den Spruch so schön. Er gründet nicht auf Gewissheit, sondern auf Erfahrung. Auf Jahrzehnten, in denen am Ende doch alles gut ging.
Wenn die Vorhersage einige Tage vorher düster aussieht, zuckt daher bestimmt jemand mit den Schultern und sagt:
Us Lieve Hear is in Sint Nykster.
Es summt in Sint Nyk.
Und in ein paar Tagen versteht jeder, warum.
